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Leseprobe "GAME OVER"

Als Flo erwachte, kam es ihm vor, als läge er tief in unzähligen wattigen Kopfkissen versunken. Alles um ihn herum erschien ihm dumpf und grau. Nur langsam, noch langsamer als gewöhnlich, kam er zu sich und öffnete schwerfällig seine Augen. Sie brannten beim Öffnen und waren trocken, als ob er über keine Tränenflüssigkeit mehr verfügte. Blinzelnd blickte er sich um und musste feststellen, dass er zwar nicht in Watte gehüllt war, obwohl es sich so anfühlte, das Grau um ihn herum allerdings durchaus real war. Die Augen schmerzten, aber so langsam wurden sie wieder feucht. Im Gegenteil, jetzt tränten sie sogar über alle Maßen.

Instinktiv tastete er nach seinem Handy, erst in seiner Tasche, dann auf einem nicht vorhandenen Nachttisch. Es schien nicht in Reichweite zu sein. Wie spät mochte es sein? Und wo zum Teufel befand er sich?

So langsam und verschwommen wie die Bilder um ihn herum, kamen auch seine Erinnerungen zurück. Das Hotelzimmer in der Nacht, die hereinstürmenden Polizisten und seine Festnahme. Auch die Bilder seines Abtransports in der schwarzen Limousine und die offensichtliche Betäubung durch eine Spritze in den Nacken kehrten in sein Gedächtnis zurück.

Flo griff unwillkürlich nach der Stelle, an der er den Einstich vermutete und wo es jetzt, als er daran dachte, juckte. Er spürte ein Pflaster und riss es ab, um es sich anzusehen. Wie nach einer Blutabnahme beim Arztbesuch befand sich ein winziger Blutfleck auf dem Pflaster, sonst war da nichts. Nur die Stelle im Nacken fühlte sich seltsam an, wie eine kleine Beule auf der Haut. Wahrscheinlich eine Reaktion auf die Spritze.

Aber warum hatte man ihn derart außer Gefecht setzen müssen? Von so einem Vorgehen hatte er noch nie gehört, auch nicht in den Vereinigten Staaten, wo die Polizeimethoden sicher rigoroser und gewalttätiger waren als in Deutschland. Aber er hatte sich doch gar nicht gewehrt und sich brav an die Anweisungen der Beamten gehalten. Noch nicht einmal seine Nachfrage nach dem Grund der Verhaftung hätte man seiner Ansicht nach als Protest verstehen dürfen.

Flo runzelte die Stirn bei seiner Erinnerung an die Geschehnisse der letzten Nacht. War es überhaupt die letzte Nacht? In seinem dämmrigen Zustand hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Es wäre nicht verwunderlich, hätte man ihn für längere Zeit aus dieser Welt gespritzt.

Jetzt zeigten auch seine Augen wieder ein halbwegs klares Bild seiner Umgebung, obwohl dort nicht viel zu sehen war. Er befand sich ohne Zweifel in einer Gefängniszelle, auch wenn sie nicht so aussah, wie man das landläufig vermutete. Etwa vier Quadratmeter groß, mit einer Pritsche, auf der er lag, samt einer dünnen Matratze und einer Baumwolldecke, sowie einem Kopfkissen. Sonst nichts. Noch nicht einmal eine Toilettenschüssel gab es hier. Ebenso kein Fenster, lediglich eine Deckenlampe strahlte ihr kaltes LED-Licht in die winzige Zelle, die zwar sauber war, aber dennoch nicht gerade einladend. Die Stahltüre hatte ein kleines Gitterfenster, durch das man auf den Flur blicken konnte. Seiner Zelle gegenüber befand sich allerdings nur das Pendant dazu, ebenfalls eine verschlossene Stahltüre, so wie auch links und rechts davon. Weiter konnte er den Flur nicht einsehen.

Über der Türe konnte Flo eine kleine Kameralinse ausmachen. Hätte er nicht ähnliche kleine Kameras wie diese während seiner Tätigkeit beim Fernsehen kennengelernt, wäre er wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen diese als solche zu erkennen. Für den Laien hätte dies auch einfach eine Niete oder Schraube im Stahlrahmen der Türe sein können.

Vom Flur her zog ein seltsamer Geruch durch das Gitterfenster. Flo konnte erst gar nicht bestimmen, was das war. Es erinnerte ihn spontan an den Umzug in das neue Haus seines Stiefvaters und an sein Zimmer, dass der ihm fremde Mann für ihn renoviert hatte. Und in hellblau gestrichen. Eine Farbe die der damals siebzehnjährige Teenager überhaupt nicht gemocht hatte.

Ja, genau das war der Geruch – frischer Putz und frische Farbe! Es roch, als wäre hier vor nicht allzu langer Zeit verputzt und gestrichen worden. Und so sah es bei genauerem Hinsehen auch in der Zelle und auf dem Flur aus. Nicht verschmutzt oder abgenutzt, sondern frisch renoviert.

Nachdem auf dem Flur niemand zu sehen war, stellte sich Flo vor die Überwachungskamera und winkte.

»Ich muss mal auf die Toilette«, rief er, in der Hoffnung, dass auch irgendwo ein Mikrofon installiert war, oder man ihn über den Flur hören konnte.

»Hallo?«, schrie er nochmal, jetzt etwas lauter, nachdem sich nichts rührte.

Es dauerte noch zwei weitere Versuche und mehrere Minuten, bis er das Summen eines Türöffners und dann endlich Schritte auf dem Flur hörte. Kurz danach erschien das kantige aber durchaus gutmütig wirkende Gesicht eines Farbigen im Gitterfenster der Türe, das Flo aufforderte, von der Türe zurückzutreten, dann wurde offenbar ein Code eingegeben und mit einem Piepen quittiert, das den Türriegel zurückfahren ließ.

Als die Türe geöffnet wurde, stand dahinter ein Riese von einem Mann. Mindestens zwei Meter groß und mit Muskeln bepackt, die seine Gefängniswärteruniform fast zu sprengen schienen. Auf einem Namensschild unter einer Marke mit einer Art Sheriffstern stand „Atlas“.

Der Schwarze winkte Flo zu sich, die andere Handan einem schweren Schlagstock, der an seinem Gürtel hing. Die respekteinflößende Statur und sein versteinerter Gesichtsausdruck ließen trotz der vermeintlich freundlichen Fassade keinen Zweifel daran, dass der Beamte seine Waffe schnell und effektiv einsetzen würde, wenn es auch nur den geringsten Anlass dazu gäbe.

»Ich muss mal«, wiederholte Flo eingeschüchtert und trat nach einem weiteren Winken des Wärters vorsichtig aus seiner Zelle in das grelle Licht des Korridors. Tatsächlich war der Druck auf seiner Blase zwar da, es war aber bei Weitem nicht so dringend, wie er vorgab. Vielmehr wollte er wissen, wo er überhaupt war und was mit ihm passierte.

Demzufolge versuchte er sein Glück bei dem Hünen, der hinter ihm her stapfte, nachdem er seinem Gefangenen Handschellen angelegt und den Weg zur Toilette gedeutet hatte. Flo drehte sich zu seinem Bewacher um und setzte ein freundliches Lächeln auf. So freundlich man eben unter diesen widrigen Umständen noch schauen konnte.

»Wo bin ich hier und was wird mir vorgeworfen? Kann ich mit einem Verantwortlichen sprechen oder mit einem Anwalt?«

Der Schwarze namens Atlas schwieg jedoch und deutete lediglich auf die Türe zu den Waschräumen, als sie davor zum Stehen kamen.

Dann brummte er mit dem tiefsten Bass, den Flo jemals gehört hatte: »Klein oder groß?«

Der junge Mann starrte seinen hünenhaften Bewacher fragend an.

Atlas deutete auf Flos Handschellen. »Wenn du nur ein kleines Geschäft zu erledigen hast, lass ich die an. Ich muss ja wohl nicht mit reinkommen, oder? Also mach keinen Scheiß und beeil dich. Ich warte hier.«

Flo wusste, von dem Wachmann war nichts zu erwarten, was einer Klärung seiner Situation zuträglich gewesen wäre. Also ging er ohne weitere Fragen gemäß Atlas‘ Aufforderung auf die Toilette. Die ganzen Waschräume samt den Toiletten waren blitzeblank. Entweder waren sie hier nie benutzt worden oder ständig gereinigt, was Flo sich beides nicht vorstellen konnte. Oder aber man hatte den ganzen Bereich erst kürzlich neu installiert. Generell schien alles hier neu oder neu renoviert zu sein. Die Zelle, der Flur, der Nassbereich. Nun, bei allem Unglück, das Flo gerade widerfuhr, war es wenigstens ein Trost, dass er nicht in einem völlig verdreckten Loch gelandet war, unter hygienisch unzumutbaren Zuständen. Das hatte er im Fernsehen schon mehrfach gesehen und war bisher der Meinung gewesen, dass jemand, der im Gefängnis sitzt, nicht auch noch unter besten Verhältnissen einsitzen sollte. Schließlich kamen doch normalerweise nur Verbrecher in den Knast und hatten ihren Anspruch auf Luxus verwirkt.

In seinem Fall war er dankbar, dass das hier scheinbar nicht so war.

Während er seine Notdurft verrichtete, dachte Flo angestrengt nach. Niemand konnte oder wollte ihm sagen, warum er ins Gefängnis gebracht worden war. Weder die, die ihn verhaftet hatten, noch die, die ihn bewachten.

Das durfte doch nicht sein.

Er ging davon aus, dass ihm irgendein Verantwortlicher heute sagte, was man ihm vorwarf und wie es weiterging. Schließlich musste ihm ein Anwalt gestellt werden und er musste doch auch seine Familie in der Heimat informieren können.

Er dachte an seine Mutter. Vielleicht war es sogar besser, wenn sie nichts davon erfuhr. Zumindest so lange, bis er wusste, was mit ihm geschah. Sie würde sonst einen Herzanfall bekommen.

Flo trat wieder auf den Flur hinaus, wo Atlas ihn mit unveränderter Miene erwartete. Er zeigte mit dem Finger den Flur entlang in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

»Könnte ich bitte mit jemandem sprechen«, startete er einen erneuten Versuch den Wachmann zu erweichen, ahnte aber, dass diesen das wenig beeindruckte.

Er blickte sich um und sah in das Gesicht des Schwarzen, das wie eine Maske wirkte und starr nach vorne gerichtet war. Nur seine Augen bewegten sich und nahmen jede kleinste Bewegung wahr, die der Gefangene machte, jederzeit bereit zu reagieren.

Flo schüttelte enttäuscht den Kopf und sah den Flur entlang. Tatsächlich gab es hier zehn dieser Stahltüren, die in irgendwelche Zellen führten. Jetzt vernahm er auch andere Stimmen, die durch die Gitterfenster drangen. Verschiedene Sprachen oder akzentuiertes Englisch, Gemurmel, sowie Rufe nach einem Wärter, ähnlich derer, die Flo vor einigen Minuten getätigt hatte. Offenbar schien der ganze Bereich langsam wach zu werden.

Vor seiner Zelle angekommen, entfernte Atlas die Handschellen von Flos Handgelenken. Er gab neben der Türe den entsprechenden Zahlencode ein und der Riegel öffnete sich voll elektronisch, aber dennoch mit lautem, metallischem Schleifen.

»Du wirst gleich geholt«, brummte er und nickte unmerklich. Dann schloss er die Türe und drückte einen Knopf. Mit einem Piepen schob sich der Riegel vor und verschloss die Türe.

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