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Leseprobe "Der Stier im roten Mantel"

auch als Hörbuch:
www.youtube.com/watch

»Schnell, Cassiel. Nimm Mava, lauft hoch in Euer Zimmer und versteckt Euch!«

Die Angst und Besorgnis in der bebenden Stimme seiner Mutter beflügelten die Schritte des zehnjährigen Jungen mit den pechschwarzen Locken. Er nahm jeweils zwei Stufen auf einmal beim hastigen Aufstieg in den zweiten Stock und zog seine kleine Schwester hinter sich her, die Mühe hatte, Schritt zu halten.

Das brachiale Hämmern an der Ladentüre im Erdgeschoss und die Stimmen der Männer draußen klangen furchteinflößend. Schon seit Wochen war die Familie auf der Hut und seine Mutter hatte ihren Mann immer wieder angefleht, ihr Haus in Paris zu verlassen. Doch Cassiels Vater war nicht bereit gewesen, seine Pfandleihe und das Heim mit all seinen Wertsachen aufzugeben.

»Sie werden kommen und uns Alles nehmen«, hatte die Mutter wiederholt gewarnt. »Und wir werden dann mit Sicherheit weggebracht, wie all die Anderen. Sacharja, bitte! Denk doch an uns, denk an Deine Kinder.«

»Halt den Mund und hör auf zu jammern, Athalia!«, hatte dann der Vater stets erwidert. »Ich werde nicht unser Zuhause aufgeben, das ich uns in all den Jahren aufgebaut habe. Wir sind angesehene und wohlhabende Bürger dieser Stadt, haben einflussreiche Freunde und Verwandte. Uns wird nichts geschehen. Sie werden es nicht wagen, uns etwas wegzunehmen. Kapitulation der Politiker hin oder her.«

Nicht selten hatte Cassiels Vater seine klare und unumstößliche Meinung mit einer kräftigen Ohrfeige unterstrichen. Er war nie zimperlich oder sparsam gewesen im Erteilen körperlicher Züchtigung, weder seiner Frau, noch ihren Kindern gegenüber. Cassiel hasste seinen Vater dafür. Oft saß er mit seiner Schwester Mava und seiner geliebten Mutter eng umschlungen und sie weinten gemeinsam, ob der harschen Gewalt, die sie alle drei so häufig erfuhren.

In diesem Moment aber hatte Cassiel mehr Angst vor den Männern auf der Straße da draußen, als vor seinem Vater. Offenbar hatte dieser sich geirrt in der Annahme, verschont zu werden. In den letzten Tagen hatte man immer wieder von Übergriffen der Soldaten auf Menschen und Häuser in den umliegenden Straßen des Pletzl, dem jüdischen Viertel mitten im Pariser Marais, gehört. Was allerdings genau passiert war, hatte man nirgendwo erfahren können. Die Menschen blieben verschwunden und ihre Häuser leer. Alles, was Wert hatte, hatten die Uniformierten mitgenommen. Seit der Sprengung der großen Synagoge im letzten Jahr terrorisierten die fremden Soldaten die Gegend und raubten ihre Bewohner rücksichtslos und unersättlich aus.

Und jetzt kamen sie augenscheinlich in das Haus der Familie Schagal.

Gebannt stand Cassiel am Eingang zu seinem Zimmer und lauschte durch den offenen Türspalt nach unten. Er konnte zwar nichts sehen, aber die lauten Stimmen im Erdgeschoss waren nicht zu überhören. Sein Vater hatte die Ladentüre geöffnet und die Männer waren gleich zu mehreren hineingestürmt. Die schweren Schritte der robusten Soldatenstiefel auf dem Holzboden ließen das ganze Haus vibrieren.

Eine rauchig klingende Stimme schrie die Eltern in Französisch mit einem hart klingenden Akzent an: »Sind Sie der Pfandleiher Sacharja Schagal?«

Nach einer kurzen Pause, in der sein Vater wahrscheinlich genickt hatte, donnerte die Stimme weiter: »Wie viele Leute befinden sich im Haus?«

Auf die zögerliche Antwort der Mutter, dass sie alleine seien, befahl der Offizier seinen Männern irgendetwas, das Cassiel nicht verstand. Das also war Deutsch, die Sprache der Besatzer. Schon hörte er die schweren Stiefel die Treppe hinauf poltern. Während sich mindestens vier Soldaten im ersten Stock umsahen, wo sich die Küche, das Wohnzimmer und das Arbeitszimmer seines Vaters befanden, stürmten noch einmal ebenso viele Männer nach oben zu den Schlafräumen.

»Schnell, Mava!«, flüsterte Cassiel und öffnete seiner Schwester den Deckel einer Spielzeugkiste, in die sie hineinschlüpfen sollte. Er selbst sprang danach in den Kleiderschrank, zog die Türe bei und ließ sie nur noch einen winzigen Spalt offen, um gerade noch hindurch spähen zu können.

Während die Männer in das Zimmer drangen, hörte der Junge von unten den kurzen Protest seines Vaters, dann einen Schuss und daraufhin das entsetzte Schreien seiner Mutter. Cassiel presste die Lippen zusammen und versuchte die Tränen zu unterdrücken, die ihm in die Augen schossen. Dabei beobachtete er durch den Spalt, wie Mava weinend aus der Kiste sprang und nach ihrer Mutter rufend zur Tür lief. Sofort wurde sie von einem Uniformierten ergriffen und nach unten gebracht. Kurz war der Junge versucht, ebenfalls seine Deckung aufzugeben, brachte aber nicht den Mut dazu auf. Die Männer wiederum beachteten sein Versteck nicht und folgten dem Kameraden nach unten. Schweigend und in sich hinein wimmernd presste Cassiel verzweifelt Mund und Augen zu und versuchte einzuschätzen, was da in seinem Haus vor sich ging.

Auch wenn er selbst nichts davon verstand, geschweige denn den Wert der Einrichtungs- und Kunstgegenstände und der zahlreichen Gemälde an den Wänden erachten konnte, so wusste er doch aus Gesprächen seiner Eltern untereinander und seines Vaters mit Geschäftspartnern, dass der Wert der Kunstwerke im Haus beachtlich sein musste. Und genau darauf hatten es die deutschen Soldaten offenbar abgesehen. Cassiel interessierten diese Dinge nicht, er hoffte jetzt nur, dass die Fremden schnell das Haus wieder verließen, seine Mutter ihn aus dem Schrank herausholte und tröstend an sich drückte.

Aber nichts dergleichen passierte. Die Fremden hatten offenbar alles, was sie interessierte, nach unten gebracht. Zu hören waren neben dem Stiefelgetrampel nur die lauten Befehle des Offiziers.

Vorsichtig drückte Cassiel die Schranktüre auf und stieg leise aus seinem Versteck. Er sah sich um. Auch das Bild, das im Kinderzimmer hing, hatten sie mitgenommen. Obwohl es sein entfernter Onkel Marc gemalt hatte, der jetzt ein berühmter Künstler war, mochte sein Vater das Bild nicht, denn es war ihm zu modern. Es hatte grelle Farben und zeigte einen Mann im roten Mantel mit einem Stierkopf und verdrehten Beinen. Es sah völlig verrückt aus, wie aus einem seltsamen Traum. Aber irgendwie schön und faszinierend. Die Kinder liebten das Bild. Deswegen hatte es Cassiel in ihrem Zimmer aufhängen dürfen.

Aber nun war es weg.

Der Junge schlich zur Türe und auf den Flur hinaus. Unten hörte er, wie der Offizier hämisch lachte. Die Worte, die ihm ein Untergebener zurief konnte er nicht verstehen.

»Eine wahre Goldgrube, Herr Hauptsturmführer. Wie Sie vermutet hatten.«

»Ja«, schnaubte der Offizier, »das wird den Standartenführer freuen. Da kann er dem Reichsleiter Rosenberg wieder etwas Positives berichten. Packt alles auf den Laster und passt auf, dass nichts beschädigt wird. Dann verschwinden wir. Und die Frau hier verfrachten wir samt Tochter nach Drancy zu den anderen Drecksjuden.«

Dann forderte er seine Mutter auf Französisch auf, ihren Mantel anzuziehen.

Cassiel war inzwischen leise in den ersten Stock hinabgestiegen und spähte durch das Treppengeländer in den Geschäftsraum im Erdgeschoss. Hier hatten die Uniformierten, genau wie in der Wohnung oben, ganze Arbeit geleistet. Die Regale standen leer, alles war ausgeräumt und die Männer brachten einen Kunstgegenstand nach dem anderen nach draußen. Sogar der Safe hinter dem Verkaufstisch, der sich normalerweise hinter einem Bild befand und mit viel Geld gefüllt war, stand offen und war ebenfalls geleert worden. Jetzt erst bemerkte der Junge das Bein, das hinter der Theke hervorlugte. Er erkannte die gestreifte Hose seines Vaters und die Blutlache, in der er lag.

In diesem Augenblick ergriff ein Soldat grob den Arm seiner Mutter und führte sie hinaus. An ihre andere Hand klammerte sich weinend Mava und drückte eine Stoffpuppe an sich. Cassiel wollte laut rufen, aber er brachte keinen Ton über die Lippen. Er starrte nur völlig reglos seiner Mutter nach, die sich in diesem Moment umdrehte und mit feuchten Augen zu ihm nach oben schaute. Er war sich sicher, dass sie ihn direkt ansah und ihm unmerklich zunickte. Ein Blick, der ihn völlig hypnotisierte. Der ein Flehen und eine traurige Hilflosigkeit ausdrückte und gleichzeitig so viel Mitgefühl und unendliche Liebe. Er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass dieser Blick das Letzte war, das er je von ihr sehen würde.

Kurz darauf waren die Soldaten verschwunden, mit seiner geliebten Mutter und Schwester. Sie hinterließen einen toten Vater inmitten seiner geplünderten Schatzkammer und einen einsamen Zehnjährigen, der sich wie versteinert an das Treppengeländer klammerte und bitterlich weinte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit stieg Cassiel hinab und beugte sich über den Leichnam seines Vaters. Hass, gepaart mit purer Verzweiflung, überkam ihn.

»Warum nur hast du mir das angetan?«, schrie er den Toten verächtlich an und spuckte auf ihn herab. »Warum hast du nicht auf Mutter gehört? Wir hätten längst in Sicherheit sein können, aber du wolltest deine Reichtümer nicht aufgeben, du verdammter Egoist. Jetzt ist Mama weg und Mava, und mich hast du auch allein gelassen.«

Noch einmal spuckte Cassiel aus und dicke Tränen liefen ihm über die rotglühenden Wangen.

»Aber ich werde nicht ruhen, bevor ich nicht meine Mutter und meine Schwester wiedergefunden habe. Und all unseren Besitz. Nicht um deinetwegen, sondern um meinetwegen.«

Dann drehte sich der Junge dem Fenster zu und streckte seine zitternde, aber geballte Faust in die Luft, als hätte er bereits einen Sieg errungen.

»Eines Tages werde ich der Triumphierende sein, das schwöre ich bei Mosche und dem allmächtigen Gott!«

 


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