Wolfgang's Homepage

Leseprobe "...und ich will nicht gnädig sein!"

  
         »Was hast du nur getan?«

Die Stimmen und Schreie, sowie das Gemurmel wurden immer lauter. Langsam nur kamen das Bewusstsein und damit auch die Erinnerungen zurück. Er schwitzte und seine Hände fühlten sich warm und klebrig an.

Was war bloß geschehen? Er konnte sich an nichts erinnern, die Rückkehr erfolgte wie aus einem schwarzen Loch. Nur Stück für Stück lichteten sich die dichten Nebel. Begonnen hatte alles am späten Abend…

      Ihre Augen hatten gefunkelt wie Feuer und ihre Lippen rot geleuchtet wie lodernde Glut. Sie hatte nur einmal kurz aufgeschaut und ihm einen schüchternen Blick geschenkt, da war es auch schon um ihn geschehen. Schnell hatte das Mädchen seinen Kopf wieder gesenkt und sich auf die silberne Teekanne konzentriert, die sie in ihren zarten Händen gehalten hatte. Aber dieser winzige Moment, indem sich ihre Blicke gekreuzt hatten, hatte genügt, um ein inneres Feuer in ihm zu entfachen. Schon im Laufe des Abends hatte er das Mädchen verstohlen beobachtet, wie es mit seiner Mutter das Essen für die Gäste herbeigebracht hatte. Ihr Vater hatte der kleinen Gruppe seine Kinder vorgestellt. Ceren, die in wenigen Tagen achtzehn werden sollte und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Cemil waren sein ganzer Stolz gewesen. Trotz des verhüllten Kopfes und der weiten Kleidung hatte das Mädchen die Ausstrahlung einer orientalischen Prinzessin gehabt. Ihr Name, der soviel wie Rehkitz bedeutete, kam nicht von ungefähr, in ihren großen, schwarzbraunen Augen konnte ein Mann versinken. Und ihr schamhaftes und schüchternes Verhalten hatte eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausgelöst. Aber dieser eine Blick, den sie nur ihm allein geschenkt hatte, war wie ein warmer Stich in sein Herz gewesen und ihm war von einem Moment auf den anderen unfassbar heiß geworden.


      Natürlich hatte er schon die eine oder andere Freundin gehabt, aber nie etwas Ernstes. Er war, nach seinen eigenen Worten, noch in der Testphase gewesen. Dieses ruhmreiche Gefühl von Liebe, von dem immer alle erzählten, bei dem einem heiß und kalt gleichzeitig wurde, bei dem man so verletzlich war und sich doch für unbesiegbar hielt und bei dem sich Mundtrockenheit und unkontrollierbares Sabbern in hoher Frequenz abwechselten, das hatte er noch nie empfunden. Aber jetzt plötzlich, mit diesem einen Augenaufschlag, hatte er ein inneres Gefühl der Behaglichkeit gespürt, das er bislang noch nicht gekannt hatte. War dieses fremde und plötzlich doch so vertraut wirkende Geschöpf etwa seine Seelenverwandte gewesen, seine göttliche Ergänzung, der berühmte Deckel, der auf den Topf passte?

Ein fester Griff an seiner Schulter hatte ihn aus seinen verrückten Gedanken gerissen.

»Nicki! Was sagst du dazu? Ein Schnäpschen in Ehren,…! Oder willst du weiter die Tochter unseres Gastgebers so gierig anstarren? Ich glaube, der findet das nicht so toll!«

Benny, dessen große und massige Hand immer noch die Schulter gedrückt hielt, hatte lauthals aufgelacht und alle in der Runde hatten mit eingestimmt. Bis auf Youssouf, den besagten Vater des Mädchens, das den Raum inzwischen wieder verlassen hatte. Dieser hatte Nick mit festem Blick in die Augen gesehen und Falten waren auf seiner Stirn erschienen. Man hatte förmlich seine Gedanken lesen können. »Finger weg!«, war dort deutlich zu erkennen gewesen.

Nick hatte verstohlen zur Seite geblickt und sich verlegen dem Gelächter seiner Freunde angeschlossen.

»Also, was ist?«, hatte Benny weitergebohrt.

»Wenn man uns schon ein hiesiges, traditionelles Getränk anbietet, darf man doch nicht ablehnen. Außerdem bin ich diesen ewigen schwarzen Tee langsam leid.«

Django und Fetty hatten heftig genickt und auch die meisten Anderen hatten sich sichtlich auf den Raki gefreut, den Youssouf zum Abschluss des einfachen aber köstlichen Mahls angeboten hatte.

»Haydi!«, hatte er gerufen und in die Hände geklatscht, sich dann zu seiner Rechten geneigt, wo sein Sohn Cemil gesessen hatte. Nur ein paar türkische Worte und der Junge war sofort aufgesprungen und zur Tür gelaufen. Als seine Mutter und seine schöne Schwester mit zwei Flaschen und einem Tablett voller Gläser hereingekommen waren, hatte er Ceren ihre Last schon an der Türe abgenommen und sie sofort wieder hinaus geschickt. Nick hatte das Geschehen genau beobachtet und auch den Grund dafür erahnt. Offenbar hatte er doch zu eindeutig und intensiv das Mädchen angestarrt und der Vater hatte ein weiteres Tauschen verbotener Blicke verhindern wollen. Im Türrahmen hatte sich Ceren noch einmal umgedreht und zu Nick hinüber gesehen. Aus ihren Augen war das Feuer verschwunden gewesen, ängstlich hatte sie sich das untere Ende des Tuchs, das sie auf dem Kopf trug, vor das Gesicht gehalten. Dann war sie verschwunden.

Cemil hatte den Inhalt der beiden Flaschen komplett geleert und auf elf hohe Gläser verteilt. Dann hatte er jedem Gast sowie seinem Vater ein Glas gereicht und eines für sich behalten.

»Serefe!«, hatte Youssouf freundlich gerufen und sein Glas erhoben.

»Serefe!«, war die Antwort aller Anderen gewesen und man hatte sich zugeprostet.

Jenny und Vicky hatten gleich ihre Gesichter verzogen, auch Brille schien nicht begeistert zu sein. Django und Fetty hatten einen großen Schluck Raki genommen, Benny und Nick ihr Glas in einem Zug geleert, so wie sie es bei ihrem türkischen Reiseführer Can gesehen hatten.

Nur der Pole hatte noch nicht probiert und gegrölt:

»Macht mir erst mal das Glas voll. Für so ein Schlückchen lohnt es sich ja gar nicht anzusetzen!«

Er wurde nur der Pole genannt, denn dort kam er her und war offenbar schon mit Vodka großgezogen worden. Alkohol aus kleinen Schnapsgläsern hatte er grundsätzlich verweigert und unter zweihundert Milliliter Schnaps gar nicht erst angefangen zu trinken. Da ihn sein Gastgeber freundlich, aber mit bestimmter Miene angesehen hatte, hatte er der deutlichen, unausgesprochenen Forderung Folge leisten wollen und sein Glas in einem Zug geleert. Schlucken war ihm dabei scheinbar völlig fremd gewesen, der Raki war einfach direkt in die Kehle geflossen.

Youssouf hatte ihm mit einer gewissen Hochachtung zugenickt und Cemil losgeschickt, um Nachschub zu holen. Nicks Blick war hoffnungsvoll zur Tür gewandert, aber sein innerer Wunsch, Cerens Blick noch einmal zu erhaschen, war unerfüllt geblieben. Ihr wurde an diesem Abend offenbar der weitere Zutritt zu diesem Raum verwehrt.

»Ich glaube, jetzt hat unser Gastgeber deine Herausforderung angenommen, Pole«, hatte Can gerufen und gelacht, als Cemil zurückkehrt war, die Arme vollgepackt mit Raki-Flaschen.

Can hatte die kleine Reisegruppe in der letzten Woche auf ihren Eseln durch die sommerliche Hitze Kappadokiens geführt. Er war ein stämmiger, kräftiger junger Mann gewesen und hatte bei jeder Gelegenheit betont, dass der Ausspruch ’stark wie ein Türke’ von ihm abgeleitet worden sein musste. Can hatte täglich Proviant besorgt, sowie mehr oder weniger sichere Schlafplätze unter freiem Himmel und der kleinen Reisegruppe die größtenteils unentdeckten Schätze des türkischen Hinterlandes gezeigt. Fernab der Touristenrouten waren sie auf Trampelpfaden unterwegs gewesen, hatten sich allabendlich ihr verdientes Süppchen gekocht und ihre Lagerstätten gebaut, wobei sie jedes Mal rund um den Schlafsack einen kleinen Erdwall anzuhäufen hatten, um so Skorpione und andere Kriechtiere davon abzuhalten, in die Schlafsäcke zu krabbeln. In der Nähe von Göreme hatten sie nun ihre letzte Station auf dem Hof von Youssouf erreicht. Hier würden sie noch eine Übernachtung genießen, dann sollte am darauffolgenden Tag der lange Fußmarsch zurück nach Nevsehir folgen, wo sie abends den Bus nach Ankara nehmen würden, von wo aus es dann am nächsten Morgen zurück nach Deutschland ging.

Es war ein Abenteuerurlaub, den sie sich gönnen wollten, bevor der Ernst des Lebens anfangen sollte. Die Freunde Benny und Nick hatten alles organisiert, es sollte der gemeinsame Abschluss der Schulzeit nach bestandenem Abitur sein. Doch viele ihrer Clique hatten dann doch noch einen Rückzieher gemacht. Den einen war es zu anstrengend erschienen, den anderen zu teuer, und wieder andere hatten noch kompliziertere Ausreden gefunden. Übrig geblieben waren noch Fetty, der seinen passenden Spitznamen mit Würde ertragen konnte, Vicky und Django, die eigentlich lieber zu zweit einen amourösen Urlaub verbracht hätten, sich aber dann doch noch hatten breitschlagen lassen und Jenny, die sich zwar vor allem ekelte, aber so in Nick verliebt gewesen war, dass sie ihm überall hin gefolgt wäre. Allerdings hatte sie sich nie getraut, ihm ihre Zuneigung zu gestehen. Dann war da noch Brille gewesen, ein Außenseiter, der immer dazugehören wollte, sich aber regelmäßig mit peinlichen Aussetzern aufs Abstellgleis manövrieren konnte. Er hatte den Polen mitgebracht, der Einzige, der nicht mit den anderen auf der Schule gewesen war. Er hatte gerade seine Lehre als Automechaniker abgeschlossen und somit auch vor einem Neubeginn gestanden. Zu guter Letzt hatte noch Psycho mit zur Gruppe gehört, ein Streber, der sein Abitur mit Bestnote bestanden und als einziger eine klare Vorstellung von seiner Zukunft als Psychologe hatte. Er war in der Gruppe integriert gewesen, trotz seiner schon immer zarten Natur. Dies war auch der Grund gewesen, warum er heute, am vorletzten Abend, nicht dabei sein konnte. Er lag, voll gepumpt mit Medikamenten gegen seinen Durchfall, auf seiner Isomatte im Nebenraum und bekam von all dem Gegröle nichts mit.

Später am Abend hatten sich Benny, der Pole, Django und Can noch einen Wettkampf im Armdrücken geliefert. Ermutigt durch reichlich Alkohol und angefeuert durch das ebenso angetrunkene Publikum hatten sie den Einsatz immer mehr gesteigert, bis zuletzt Glasscherben unter ihren Handrücken gelegen und dem jeweiligen Verlierer die Haut aufgeritzt hatten. Nur Jenny und Brille hatten sich mit der Euphorie zurückgehalten, wohl auch der Müdigkeit, bedingt durch den Raki, geschuldet.

Nick hatte weiter gehofft die schöne Ceren noch einmal zu sehen, aber das Mädchen war auf Geheiß ihres Vaters der Feier fern beblieben, und so hatte auch er sich der Wirkung des Anisschnapses hingegeben, um sein Verlangen zu vernebeln.

Keiner der Anwesenden war gegen Mitternacht noch in der Lage gewesen halbwegs gerade die Schlafstätten aufzusuchen, selbst der Gastgeber und sein jugendlicher Sohn waren sichtlich betrunken gewesen. Im Trinkduell zwischen dem Polen und Youssouf hatte es keinen klaren Sieger gegeben, die unzähligen, geleerten Flaschen Raki aber von einem harten und langen Wettkampf gezeugt.

Während alle Gäste in dem großen Schlafraum schon auf ihren Matten, teilweise aber auch direkt daneben auf dem Lehmboden, eingeschlafen waren, hatte Nick noch auf seiner Schlafstätte gelegen und gedankenverloren ein Kaugummipapier zu einem Knoten gefaltet. Es war eine seltsame Eigenart von ihm, jegliches Abfallpapier, das er in die Finger bekam, zu verknoten, besonders dann, wenn er sehr aufgeregt oder nachdenklich war. Er hatte an die Decke gestarrt, irgendein Tier war dort auf der Jagd nach Insekten gewesen, aber aufgrund der Dunkelheit und seines durch den Raki beeinträchtigten Sehvermögens war es dem jungen Mann nicht mehr möglich gewesen, Genaueres zu erkennen.

Plötzlich hatte er ein leises Geräusch gehört, es hatte geklungen wie ein Schleifen von Stoff über dem Boden. Langsam hatte Nick sich aufgerichtet, sein Kopf dem Bersten nah. Dann hatte sich die Türklinke bewegt und die Türe wurde ein wenig geöffnet. Irgendjemand hatte durch den Spalt gelugt, aber Nick hatte nichts erkennen können, immer noch war sein Blick vom Alkohol getrübt gewesen. Dann war die Türe noch weiter aufgeschoben worden und jemand in den Raum gehuscht. Die Person war auf leisen Sohlen direkt auf den jungen Mann zugekommen und noch bevor er hatte reagieren können, hatte sich eine zarte Hand auf seinen Mund gelegt. Jetzt erst war das Gesicht des Eindringlings zu erkennen gewesen, Ceren. Ihre andere Hand hatte die Nicks ergriffen und ihn auf die Beine und in Richtung Tür gezogen. Sein Schädel hatte fürchterlich gebrummt, aber allein die zärtliche Berührung dieser warmen, weichen Hand war motivierend genug gewesen, all seine Kräfte zu mobilisieren und dem Mädchen leise zu folgen. Die beiden waren lautlos aus dem Raum geschlichen, dann weiter über den Flur zum Ausgang. Ceren hatte ihn wortlos aus dem Haus und in den benachbarten Stall geführt. Jetzt erst hatte sie seine Hand losgelassen und ihr Tuch vom Kopf gezogen. Ihr langes schwarz glänzendes Haar war zu einem Zopf gebunden und hatte ihrem zauberhaften Gesicht den passenden Rahmen gegeben. Sie hatte gelächelt und ihre Hand auf Nicks Wange gelegt. Er hatte geglaubt zu träumen und nicht wirklich gewusst, wie ihm geschah. Dann war das Trommeln in seinem Kopf immer heftiger geworden und er hatte sich unwillkürlich an die Schläfen gefasst. Besorgt hatte ihn das Mädchen angeschaut, dann war sie kurz verschwunden, um sich nach wenigen Augenblicken erneut neben ihn zu knien. Als sie Nick ihre Hand entgegen gestreckt hatte, war darin ein kleines, transparentes Tütchen mit ein paar zerstoßenen Kräutern zu erkennen. Sie hatte ihm zugenickt und unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass ihm dieses Medikament zerkaut helfen würde. In diesem Moment hätte Nick alles genommen, nur um diesen Augenblick genießen zu können und so hatte er das Pulver der getrockneten Blätter und Stängel trotz widerwärtigem Geschmack geschluckt. Ceren hatte ihn zärtlich gestreichelt und es hatte auch nicht lange gedauert, bis sich Nick tatsächlich besser gefühlt hatte. Und dann hatte sie ihn leidenschaftlich geküsst, so wie er es noch nie erlebt hatte.

Und dann? Er wusste es nicht mehr.

»Jetzt sag doch endlich, was passiert ist«, hörte er erneut eine flehende Stimme rufen, es war die von Psycho, der inzwischen auch eingetroffen war.
     Nick verstand immer noch nicht, was passiert war und blickte sich um. Dort standen alle seine Freunde und starrten wie gebannt auf ihn und an ihm herunter. Jetzt erst folgte Nick ihren Blicken. Er saß an eine Bretterwand des Stalles gelehnt und auf seinem Schoß lag Ceren, regungslos und blutüberströmt. Unwillkürlich zuckte er zusammen. Ihr Kleid war zerfetzt von mehreren Einstichen. Nick starrte sie ungläubig an und griff nach ihr. Dabei fiel ihm ein Gegenstand aus der Hand, den er unbewusst die ganze Zeit fest umklammert hielt. Das breite Messer fiel zu Boden, noch feuchtes Blut tropfte von der rot gefärbten Klinge auf ein verknotetes, transparentes Tütchen.

In diesem Moment stürzten die Eltern des Mädchens herein und die Mutter begann lauthals zu schreien. Sie entriss ihre Tochter Nicks Händen und drückte den leblosen Körper an ihre Brust. Schluchzend und wehklagend wiegte sie die tote Ceren, ihr verzweifelt wütender Blick richtete sich abwechselnd auf Nick und gen Himmel, wo sie Allah um Erklärung anflehte.

Youssouf wiederum ergriff unvermittelt und scheinbar ohne Gefühlsregung einen an einem Pfosten hängenden Hammer und stürzte auf Nick zu. Dieser sah nur noch, wie Benny hervorsprang, um den aufgebrachten Vater davon abzuhalten seinem Freund den Schädel einzuschlagen. Doch schon sauste das schwere Werkzeug auf ihn herab.

Und noch ehe Nick verstand, was tatsächlich passiert war, wurde es mit einem dumpfen Schlag wieder dunkel um ihn herum.