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Kurzkrimi "Erstens kommt es anders..."


Erstens kommt es anders…

Wolfgang Wirth

 

  Diesmal klappte es! Es musste einfach klappen!

  Walter ging einen Schritt vor und streckte die Arme aus. Er blickte sich um, das vierte oder fünfte Mal schon, aber immer war noch niemand zu sehen. Gut so!

  Sie hatten extra diesen Ausflug gemacht, an einen Ort, an dem sich um diese Jahreszeit wenig Wanderer tummelten. Zudem an einem Wochentag, wo die Chance, allein zu sein, noch größer war. Die Schlucht war nicht tief, aber wenn man dort abstürzte, fiel man gut und gerne zehn Meter nach unten, ohne vorher großartig gebremst zu werden. Das sollte reichen für den alten Körper, auch wenn er auf natürliche Art und Weise gut gepolstert war. Notfalls war Walter auch bereit mit einem großen Stein noch den Rest zu erledigen.

  Seine Mutter drehte sich um und ihr Sohn nahm unschuldig seine Hände hinter den Rücken.

  „Gefällt dir die Aussicht, Mama?“, fragte er harmlos.

  „Ja, es ist schön, mal wieder hier zu sein. Nach all den Jahren hat sich wenigstens hier die Landschaft kaum verändert. Es war eine ganz liebe Idee von Dir, mein Schätzchen.“

  Oh, wie er es hasste, so genannt zu werden. Seit nunmehr fünfzig Jahren rief ihn seine Mutter mit solch grässlichen Kosenamen wie Walli-Schätzchen, Schatzilein oder Schnuckiputzi. Das war ihm schon peinlich gewesen, als er in die Pubertät gekommen war und erst recht jetzt als erwachsener Mann. Gott sei Dank hörte sie hier draußen niemand.

  „Schön, Mama. Es freut mich, wenn es dir gefällt“, heuchelte Walter mit einem gequälten Lächeln. Am liebsten hätte er noch ergänzt, dass es ihr letzter Ausblick sein würde.

  Schon zahlreiche Versuche hatte er in der Vergangenheit angestellt, um seine verhasste Übermutter loszuwerden.

  Bei seinem letzten Anlauf hatte er über Wochen die Flüssigkeit aus den Blättern und Blüten ihrer geliebten Trompetenbäume auf der Terrasse abgezapft, fein säuberlich in einem kleinen Fläschchen gesammelt und dann in ihr Teewasser gemischt. Er selbst trank nur Kaffee, somit konnte er sich unverdächtig mit ihr an den Kaffeetisch zu selbstgebackenem Streuselkuchen setzen. Sie hatte auch den ganzen Tee getrunken, sich lediglich über einen etwas bitteren Geschmack beschwert, der aber ihrer Ansicht nach von seiner Unkenntnis einen guten Tee zuzubereiten herrührte. Dann hatte sie plötzlich über erhöhten Augendruck geklagt und behauptet, nicht mehr klar sehen zu können. Walter hatte ihr versichert, dass das nur von der Hitze käme und sie sich etwas hinlegen solle. Sie war seinem Rat zunächst auch gefolgt, aber nur wenige Minuten später war sie tänzelnd durch die Küche geschwebt, beschwingt wie selten. Ununterbrochen hatte seine Mama die leuchtend weichen Farben der sonst so eintönigen Küchenmöbel besungen. Offenbar war die Dosis seines Giftcocktails nicht ausreichend gewesen und er wirkte nur berauschend wie eine Droge, sie hatte ihn sogar zum Tanz aufgefordert, sah sie in ihm doch plötzlich seinen jugendlichen Vater. In diesem Moment hatte er dem Einsatz von Gift abgeschworen.

  Ja, sein Vater! Viel zu früh verstorben war er im Leben ein Held gewesen. Nie würde Walter so sein wie er, das warf ihm seine Mutter häufig genug vor. Der Vater hatte ihn allerdings in gemeiner Weise mit seiner Mutter alleine zurückgelassen, als Walter noch nicht einmal volljährig war. Das war unverzeihlich!

  „Komm, Mama“, rief Walter seiner Mutter zu, die genüsslich die saubere Waldluft einsog. „Ich mache ein Foto von dir. Mit der Schlucht im Hintergrund.“

  Walter lotste sie zu dem Geländer, das er noch am Vortag präpariert hatte. Viele der Sicherungen hier waren alt und verrostet. Er hatte sich ein Stück mitten auf der schmalen Brücke ausgesucht, das an einem Ende bereits gerissen war und so lange daran gerüttelt und gebogen, bis es dort komplett gebrochen war. Dann hatte er es wieder zurückgebogen, so dass es unverdächtig aussah. Er hoffte, dass das Geländer beim Anlehnen ausreichend nachgab, dann stand dem freien Fall nichts mehr im Wege.

  Es würde wie ein Unfall aussehen, doch er würde das Forstamt offiziell aus Trauer nicht verklagen, um weitere Untersuchungen zu verhindern.

  Schon einmal hatte er einen Unfall geplant, einen Sturz vom Balkon, als dieser renoviert wurde, aber es hätte einfach zu viele Zeugen gegeben.

  Ein anderes Mal war ein weiterer perfider Plan in seinem Kopf entstanden. Es war nach seinem fünfzigsten Geburtstag gewesen, als seine Mutter ihn in Gegenwart der Verwandten erneut gedemütigt hatte. Walter war aber dann wieder davon abgekommen, da er selbst hätte Gewalt anwenden müssen. Dabei war Alles bis ins kleinste Detail geplant gewesen. Er hätte während seiner Nachtschicht sein Taxi in einem Versteck abgestellt, von dort mit dem Fahrrad den Heimweg angetreten, um dann zu Hause einzubrechen. Seine Mutter hätte den vermeintlichen Einbrecher gestört und wäre dann von ihm mit dem Brecheisen erschlagen worden. Er hätte die Schränke durchwühlt ein paar Schmucksachen mitgenommen und am nächsten Morgen seine Mutter unter Zeugen tot aufgefunden. Er hatte an Alles gedacht, das Bargeld, das ein vermeintlicher Kunde für die lange Fahrt von Trier zum Flughafen Hahn gezahlt hatte, das Spurenbeseitigen von Schmuck und Tatwaffe, einfach Alles. Aber dann hatte er doch kalte Füße bekommen. Was, wäre irgendetwas schiefgegangen? Nein, es musste todsicher sein.

  Aber jetzt war es endlich soweit! Nicht umsonst hieß der Ort, an dem es nun passieren sollte, die Teufelsschlucht. Der Sage nach soll der Satan selbst sie geschaffen haben. Wie passend! Walter grinste teuflisch.

  „Geh noch ein Stückchen weiter, Mama! Dann habe ich das ganze Panorama drauf.“

  Und dann passierte es. Seine ahnungslose Mutter lehnte sich auf seinen Wunsch hin gegen das Brückengeländer. Es gab sofort nach und die alte Frau konnte sich nicht mehr halten. Während sie über die Kante stürzte, versuchte sie sich noch irgendwo festzuhalten, aber erfolglos. Mit einem durch Mark und Bein gehenden Schrei stürzte sie in die Tiefe und Walter vernahm den harten Aufprall.

  „Walter!“, hörte er das Rufen aus der Ferne, es klang dumpf. „Walter, komm schnell!“

  Walter war durcheinander. Die Umgebung löste sich irgendwie auf, das Grün der Bäume wurde schwarz, die Sonne verschwand. Er fühlte sich wie von einer warmen, aber dunklen Decke umgeben, nur das entfernte Rufen seiner Mutter drang träge zu ihm durch. Langsam wurde es deutlicher und Walter schreckte auf. Er sah sich um und schüttelte den Kopf, als wollte er seine Gedanken ordnen.   Um ihn herum waren vertraute Dinge, das Foto seiner Mutter auf dem Nachttisch, sein mit Sportwagenfotos beklebter Kleiderschrank. Zweifellos, er befand sich in seinem Schlafzimmer und der endlich gelungene Plan, sich seiner Mutter zu entledigen, war nichts anderes als ein erneuter Traum gewesen. Genau wie seine anderen Anschläge zuvor.

  „Walter, bitte komm“, waren erneut die klagenden Rufe zu hören. „Ich brauche Hilfe! Hörst du mich denn nicht?“

  Seine Mutter rief aus dem Erdgeschoss zu ihm herauf, sie war offenbar in ernsthaften Schwierigkeiten. Nur langsam quälte Walter sich aus seinem Bett und sah auf die Uhr, es war bereits zehn Uhr an seinem freien Tag. Er wollte gerade die Stufen hinabsteigen, als er irritiert seine Mutter erblickte, die am Fuße der Treppe in seltsam verdrehter Form auf dem Boden lag. Neben ihr befand sich ein Stück des Treppengeländers, das offenbar aus der Wand gerissen war.  Allmählich dämmerte es Walter und er stürmte die rutschigen Stufen herunter, seine Mutter musste wohl gestürzt sein beim Versuch sich am Geländer festzuhalten. Sie sah schlimm aus, Blut lief aus einer Wunde an ihrem Hinterkopf.

  „Mama, was ist passiert?“, rief er entsetzt. Besorgt kniete er sich neben seiner Mutter auf den Boden und hielt liebevoll ihre Hand. „Hast Du dir wehgetan?“

  „Ich werde sterben, mein Schnuckiputzi“, stöhnte sie, „und ich bin selber Schuld daran.“

  „Was redest Du da, Mama? Bleib ruhig liegen, ich rufe jetzt den Arzt. Du hast dir wahrscheinlich nur etwas gebrochen und den Kopf aufgeschlagen.“

  „Halt jetzt mal den Mund, Walter, und hör mir zu.“ Seine Mutter schien ihre letzte Kraft zu sammeln, ihre resolute Stimme wurde zusehends schwächer und sie musste husten. „Ich will ehrlich meinem Schöpfer gegenüber treten. Das mit der Treppe war kein Unfall, sondern gewollt. Allerdings nicht für mich, sondern für dich. Ich bin dein ständiges Nörgeln satt. Außerdem bist du nie für mich da, sondern immer unterwegs mit deinem blöden Taxi. Das machst du doch nur, um nicht bei mir zu sein. Du bist undankbar und liegst mir auf der Tasche. Dem Ganzen wollte ich ein Ende machen. Ich habe das Geländer losgeschraubt, an dem du immer deinen fetten Körper hochziehst und die Stufen extra glatt gebohnert. Nur habe ich vorhin selbst nicht mehr daran gedacht, als das Telefon klingelte. Das habe ich jetzt davon. Geschieht mir recht. Ich erwarte nicht, dass du mir vergibst. Aber jetzt sieh zu, wie du klarkommst.“

  Damit versagte ihre Stimme und ihr Kopf kippte zur Seite. Walters Mutter war tot.

  Ihr Sohn war fassungslos und fühlte sich ganz plötzlich so verloren. Was sollte er jetzt nur tun? Wer kümmerte sich demnächst um ihn? Wer machte seine Wäsche? Wer weckte ihn zukünftig morgens mit einem frisch duftenden Kaffee? Und wem konnte er von seinen Erlebnissen am Tage erzählen?

  Wie konnte er nur weiterleben ohne seine geliebte Mutter?